19-10-15

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels voor Navid Kermani

 

Aan de Duits-Iraanse schrijver en islamist Navid Kermani werd gisteren in de Frankfurter Paulskerk de Friedenspreis des Deutschen Buchhandels uitgereikt. Navid Kermani werd geboren op 27 november 1967 in Siegen. Zie ook alle tags voor Navid Kermani op dit blog.

Uit: Dein Name

„Wann er wieder zu beten aufhört, gehört nicht zum Gelübde. Er mag die Worte, ihren Klang, die Melodie der Reime genauso wie die Bedeutung, er mag die Bewegungen. Es könnte eine Befreiung sein, sich am Tag einige Mal zu verbeugen, sich niederzuwerfen auf die Stirn – und dann wieder aufrecht zu stehen. Wenn seit vierzehnhundert Jahren Menschen ebendiese Verse in eben dieser Abfolge von Körperhaltungen täglich fünfmal aufsagen, muß ein Segen darin wohnen. Ob es Gott gibt, steht auf einem anderen Blatt. Nicht um Ihn ist es den Religionen zu tun, von dem sie ohnehin nur Namen aussprechen, vielmehr um die Menschen, deren Handlungen mit oder ohne Gott genauso gut oder schlecht, richtig oder falsch, sinnvoll oder unnütz sind – sofern es ohne Gott gut oder schlecht gibt, richtig oder falsch, sinnvoll oder unnütz. Mit oder ohne Gott fing er heute morgen mit dem Gebet an, aber für den Vater, der keinen der vier Söhne je mit der Religion bedrängte und gerade deshalb mit Achtzig noch einen Freudensprung machen würde. Es war die einzige Möglichkeit, bei ihm zu sein, so empfand es der Jüngste, der gestern nachmittag mit der Frühgeborenen vor dem Bauch nichtsahnend aus dem Haus gegangen war, um zu spazieren, als der Internist auf dem Handy anrief. Weil die Operation der Herzklappe zu riskant schien und das Blut nicht gerinnt, hatte der Kardiologe im St. Marien allenfalls einen kleinen, oberflächlichen Eingriff in Erwägung gezogen, um die Drähte des Schrittmachers freizulegen, und deshalb einen Termin in einem Herzzentrum besorgt, wo der Chef dem Vater während der ersten Visite mitteilte, daß die Klappe ersetzt werden müsse, Risiko hin oder her, sonst läge die Lebenserwartung bei höchstens einem Jahr, wahrscheinlicher einem halben, gleich morgen also, da jeder Tag zählt, also heute, also jetzt, Donnerstag, 19. Juli 2007, 11:28, jetzt gerade liegt der Vater auf der gebogenen Streckbank aufgespannt wie auf einem großen Ball, rasiert von Hals bis Fuß, mit aufgeschnittenem Brustkorb, umringt von Ärzten, Schwestern, Apparaten, und Gott entscheidet sich, wenn es Ihn gibt, ob Er den Vater wieder zum Leben erweckt. Dem Sohn wird schlecht bei dem Gedanken, daß die Entscheidung gegen den Vater ausfallen könnte. Auch das Gebet hilft jetzt nicht mehr, schon ist die Wirkung verpufft. Kurz nach acht sollte die Operation beginnen, zweieinhalb Stunden sollte sie dauern, die Ärzte könnten also längst fertig sein, sie könnten sagen, puh, das scheint gutgegangen zu sein, oder das Gegenteil. Sie haben auch gesagt, daß es länger dauern könnte, je nachdem, was sie vorfinden und was mit der Blutgerinnung ist. Sie haben die besten, modernsten Apparate und eine neue Methode, der Chef selbst operiert, für sie ist es Routine, wie der Jüngste sich immer wieder zuredet, sie machen das jeden Tag und unter widrigen Umständen als bei dem Vater, nach Unfällen etwa, wenn die Patienten mit dem Hubschrauber eingeflogen werden und die Voruntersuchungen wegfallen.“

 

 
Navid Kermani (Siegen, 27 november 1967)

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